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Sonntag, 18. Oktober, Karakol und Dzety Oguz
Was fuer ein Tag. Um Punkt fuenf Uhr verlasse ich das Haus und mache mich auf den Weg zum Sonntagmarkt. Drei Kilometer ist der Tiermarkt entfernt, wovon die Haelfte kartographisch ausgezeichnet und die andere Haelfte im Niemandsland des Reisefuerers versinkt. Es ist stockdunkel und mit meinem Taschenlaempchen bahne ich mir den Weg. Die erste Haelfte war bis auf einen herabkrachenden Stommasten ganz erquicklich - Fruehsport eben. Wenn ich die Lampe nicht gehabt haette, waere ich wohl in die Stromkabel gefallen. Denken wir lieber nicht dran. Das war auch nicht das schlimmste.
Denn die zweite Haelfte der Strecke geht nicht mehr geraden Weges sondern dem Gehoer und der Nase nach. Dem Gehoer deshalb, da Bauern mit ihren Kuehen und Perden an mir vorbei huschen. Und der Nase nach, weil die Vierbeiner ihre Morgentoilette zu so frueher Stunde noch nicht erledigt hatten und das nunmehr gleich an Ort und Stelle verrichteten. Wie gesagt, es war stockdunkel. Einmal betruegt mich mein Spuersinn und ich biege zu frueh nach rechts ab. Ein gravierender Fehler, denn urploetzlich verfolgt mich eine Horde von klaeffenden Vierbeinern und vertreibt mich vom irrtuemlich angesteuerten Gehoeft. Da heisst es nur noch Fersengeld geben, denn die Bissfestigkeit der kirgisischen Bellos wollte ich nun doch nicht testen. Zumal ich im Dunklen sowieso nicht erkennen konnte, was mich da verfolgt.
Gegen sechs Uhr erreiche ich den Tiermakrkt und bin ueberwaeltigt. Auf einem Platz so gross wie ein Fussballfeld draengeln sich Haendler und Tiere, erst bei Sonnenaufgang sieht man das ganze Ausmass. Zuvor aber wird im Dunklen begutachtet. Mit Taschenlaempchen inspiziert der gelernte Viehhaendler den Zusand und damit auch dem Preis des Vierbeiners. Karakol stellt den groessten Tiermarkt in ganz Zentralasien und ist in seiner Art wohl einmalig. Denn es laeuft noch vieles so ab wir vor anno Tobak. Ich will nicht sagen, wie vor zwei Jahrhunderten, denn Tiermarkte in diesem Ambiente gab es auch in Deutschland in den 50ern und irgendwie erinnert mich das ganze an die eine Folge von Michel aus Loenneberge, wo er auf einem Markt in Schweden ein Schwein ersteigert.
Grundsaetlich sollte man bei dem, was mal sieht, das Hirn und Herz ein bisschen ausschalten. Denn das, was sich dort abspielt, wuerde bei uns die Staatsanwaltschaft eine Zeit lang beschaeftigen. Schafe werden gehandelt wie Eier und Rueben. In grossen Stueckzahlen verkauft, getrieben und im Kofferraum verladen. Ca. 20 Euro kostet hier ein Schaf. Eng zusammengebunden harren die Tiere aus , bis sich ein Kaeufer findet . Der Hauptumsatz wird jedoch mit Kuehen gemacht, zudem sieht man sehr viele Pferde. Um da wirklich viele den Besitzer wechseln - ich weiss nicht. sichr jedoch weiss ich, dass an den Imbissstaenden jede Menge Flaschen Wodka und frittierte Frag mich was den Besitzer gewechselt haben.
Hochspannend ist es, mitzuverfolgen, wie gehandelt wird. Hier, wo man keinen Vertrag braucht sondern nur den Handschlag. Wie eh und je. Mir wird eine Kuh und ein Pferd angeboten, was ich noch ablehne. Irgendwie bin ich scharf auf einen Esel, denn die 20 Dollar, die ich in Bolivien mit dem Kauf von Carlos Norberto in den Sand gesetzt habe, jucken doch in den Fingern. Die muessten ja irgendwann mal wieder reinkommen. Doch ich fuerchte, ich verliere ein weiteres mal und lasse die Finger davon. Das ganze ist natuerlich eine ziemlich staubige Veranstaltung und bei der Enge des Treibens nichts fuer feine Nasen.
Nachdem ich mich durch die Massen der angereisten Gespanne, Autos und Lieferwagen aus dem Gewusel befreit habe, schaue ich bei den russisch Orthodoxen vorbei. Ganz aus Holz ist deren Dreifaltigkeitskirche und ein Schmuckstueck in einem schicken Gaertchen. Der Gottestdienst ist interessant - es ist ja auch Sonntag - hat aber viel von der katholischen Liturgie vor dem Konzil und ist deshalb zwar betont feierlich, aber eintoenig. Nach einer Stunde verlasse ich die Kirche, ein Sonntagsgottesdienst dauert hier locker zwei Stunden. Besonders faellt auf, dass am Ausgang viele verarmte Kinder um einige Som betteln.
Danach gehts zum Wandern nach Dzety Oguz, 30 km westlich von Karakol. Der erste Blickfang ist eine Gruppe gerillter roter Felsen, sieben Stueck an der Zahl. Der Sage nach waren sie sieben wilde Ochsen, die das Land verwuesteten und zur Strafe in Stein verwandelt wurden. Durch die Erosion haben die Ochsen Nachwuchs bekommen, jetzt sind es neun. Es geht weiter zum Blumental, da hier im Mai alles mit Bluemchen blueht. Jetzt iist es herbstlich, doch nach rund 10 km muss man den Rueckweg antreten. In einem parkaehnlichen Ambiente tummeln sich eine Reihe von 4000ern. Ab dann heisst es naemlich trecken und nicht mehr wandern. Also kehrt Marsch. Letztendlich bin ich heute um die 30 km gewandert vom Fruehsport bis zum Daemmersport.
Da Karakol weder ein Nacht-, noch ein ausgepraegtes Kultuelles leben hat, gibt es auch nichts dergleichen zu erzaehlen. Das mit der russischen Banja hebe ich mir fuer morgen auf, ist schon zu viel Text fuer heute. Hier noch ein paar Bilder vom Tiermarkt.
P.S. Habe heute gleich zwei Kirgisen geroffen, die mich spontan als Comrad oder Kamerad begruesst haben. Waren in Magdeburg bzw. Brandenburg stationiert. Der eine wollte wissen, wies denn jetzt so sei in der DDR. Sag ich: Hat sich nichts geaendert, nur der Erich heisst jetzt Oskar. Lg an H1.
| 18. Oktober 2009 |