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Mittwoch, 12. Mai, Myohangsan
Ein Fall für zwei P.S. In einer Tempelanlage erzählt eine Einheimische mit markerschütternder, kämpferischer Stimme die Tempelgeschichte. Frage aus dem Publikum: Gibt's Sie auch auf CD ?. Lg an H1.
Um 9 Uhr morgens ist die Nacht vorbei. Es klopft heftig gegen die Tür. Mühsam öffne ich und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Vor mit steht ein Mitarbeiter des Geheimdienstes, in der linken Hand meine Turnschuhe, in der rechten meine Jacke. Den Gesichtszügen der beiden Beteiligten war eine tiefe Verwunderung zu entnehmen, sie konnten wohl länger nicht sein. Da um 9 Uhr Abfahrt war und ich sowohl die Ankündigung, wann‘s denn heute warmes Wasser gibt und das Frühstück verschlafen habe, beschränkt sich die Konversation auf die wortlose Übergabe meiner Sachen. Was war passiert ? Wir werden es noch erfahren
Schliesslich war die Nach vorher ziemlich lange. Einerseits hatte ich die Bar höchst persönlich eröffnet und wir hatten die beiden trinkfreudigen Berliner getroffen. An der Bar herrschte zeitweise dichtes Gedränge, das Bier floss in Strömen, vor allem der Wodka und sonstige höherprozentige Sachen wurden nach altem russischen Brauch aus Kaffeetassen oder gut gefüllten Senfgläsern getrunken. Einer nach dem anderen trat so den vorzeitigen Weg ins Bett an, bei mir scheint es noch etwas länger gewesen zu sein. Irgendwann – so konnte ich mich noch erinnern – hatten sich Reiseleitung und Gegeimdienst mit an die Bar gesetzt und kräftig gebechert.
Zunächst ging es jedoch zum Museum für Völkerfreundschaft , oder kurz die Freundschaftausstellung. Das ganze hat hochreligiösen Charakter und ist wohl einzigartig in der Welt. Betritt man die heiligen Hallen, hat man sich gefälligst zu desinfizieren und einen Schuhüberzug überzustülpen. Dann folgt ein langer, marmorverkleideter Gang, in dem man dezent von Kampfesliedern und der Internationalen berieselt wurde, bis man zum großen Führer gelangt. Eine Verbeugung auch hier in Zweierreihen ist Pflicht, ich habe wohl noch nie in so kurzer Zeit einem einzigen kommunistischen Führer so oft die Ehre erweisen müssen.
Danach durchquert man die riesigen Hallen, in denen auf 30.000 qm Geschenke aus aller Herren Länder ausgestellt sind. Hinter Glas ist ein absurdes Sammelsurium an Gegenständen ausgestellt, einerseits durchaus wertvoll , andererseits aber auch reiner Plunder. Will man alle Räume sehen, ist man wahrscheinlich mehrere Wochen beschäftigt. So gegen wir durch die wichtigsten Räumlichkeiten, sieht Schwerter, Löwenfelle, Elektrogeräter oder ein ausgestopftes Krokodil, was gerade ein Tablett Hochprozentiges serviert.
Apropos Hochprozentiges. Als Folge der vergangenen Nacht trabe ich eher teilnahmslos der Gruppe hinterher, bis mich der Geheimdienstmitarbeiter zur Seite nimmt. „Wie müssen reden“, sagt dieser, was ich mit einem lapidaren „na denn mal los“ erwidere. Wir gegen in einen Seitenraum, und ich werde verhört. Ob ich wüsste, was in der Nacht vorgefallen war ? An was ich mich erinnern könnte u.s.w. ? Da mein Erinnerungsvermögen quasi bei Null lag, lausche ich den Worten der Staatssicherheit. Angeblich hate ich mich in der Zimmertür geirrt und mich ins freie Bett im Zimmer der Staatssicherheit gelegt. Auf weitere Einzelheiten sei an dieser Stelle verzichtet. Während es für den Westeuropäer angesichts der Umstände nachvollziehbar ist, sich in der Tür zu irren, kommt dies für den Nordkoreaner einem Spionageversuch gleich. Da es der Staatssicherheit heute auch nicht so gut ging, vertagen wir uns. Noch viermal muss ich mich im Verlauf der kommenden Tage zum Thema äußern, bis ich mich mit einem deutlichen „jetzt reicht‘s aber langsam“ den nervtötenden Fragen entledige.
Zurück zur Ausstellung. Nan sieht eine schusssichere Staatslimousine von Stalin oder ein Zugabteil von Mao – alles Geschenke wie aber auch Juxgeschenke westlicher Delegationen, die ebenso ernsthaft hinter Glas aufbewahrt werden wie ein billiger Bierkrug oder eine Honigkerze, Zebras und sonstiges Getier. Alles in allem kommt man aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus, was man aber des lieben Friedens willen nicht zeigen sollte.
Wieder im Hotel angekommen machen wir Picknick. Leider gehören beim Picknick auf dem Lande ebenfalls Unmengen von Wodka zur Tischsitte. Im Handumdrehen hatten so wieder einige von uns den Level von heute Nacht erreicht.
Die anstehende Wanderung in die Myohangberge muteten sich dann auch nur die Hälfte der Gruppe zu. Die schöne Landschaft an Flusstälern und Wasserfällen bis auf den 1900 Meter hohen Piro hinauf wird als atemberaubend im Reiseführer beschrieben. In der Tat atemberaubend. Auf halber Strecke bin ich meinem Atem beraubt und trete den Rückweg an. Während knapp 80-jährige an mir vorbei stürmen, geselle ich mich zu denjenigern im Bus, dies es noch nicht mal aus demselbigen geschafft hatten. Der Mitarbeiter der Staatssicherheit inclusive.
Wortlos geht es zurück nach Pjöngjang, auch in der Hotelbar herrscht heute eine merkwürdige Stille.
| 12. Mai 2010 |