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Montag, 10. Mai, Kaesong und Panmunjom
Grenzgänger Heute ist Grenzgang - wir fahren über das 160 km entfernte Kaesong nach Panmunjom in die demilitarisierte Zone (DMZ) bis zur Demarkationslinie am 38. Breitengrad. Dort wo sich Nord- und Südkoreanische Grenzer Auge in Auge gegenüber stehen. Doch zunächst eine der Merkwürdigkeiten, welche dieses Land ausmachen. Die Autobahnen sind ja nach Strecke und Zählweise der Spuren zwischen 6- und Achtspurig. Durchweg gute Qualität, welches die Fahrt durchaus angenehm macht. Bloß - man sieht keine Autos. Auf dem rund zweistündigen Trip nach Kaesong begegnen und vielleicht zehn, fünfzehn Autos. Ein paar Luxuslimousinen der Parteibonzen, ein paar LKW mit Arbeitern und ein einziger Bus. Autos sind bis auf einige Transportfahrzeuge in Nordkorea nur der Elite vorbehalten, der Rest fährt Fahrrad Marke Mao 1965 oder geht zu Fuss. So macht das Volk auch keine Dummheiten. Realistischerweise - und das sieht man an den Betonplatten, dienen die Autobahnen auch weniger dem Kfz-Verkehr, sondern als Panzerstrassen. Man weiß ja nie, wenn’s denn mal wieder los geht. Solange es aber friedlich ist, machen die Leute mitten auf der Autobahn ihr Picknick, während unser Bus gemütlich drumrumkurvt.
Es gibt sogar eine Autobahnraststätte. Ein Käffchen der über alle Backen strahlenden Nordkoreanerinnen und schon geht’s weiter. Die Mädels haben ihren Warenbestand direkt auf der Strasse aufgebaut und vermutlich gleich auch wieder ab, denn vermutlich waren wir die einzige Reisegruppe auf dem Weg an die Grenze. Ansonsten scheint es in dieser Gegend lediglich ein Paar Felder zu geben, Fabriken oder Gewerbegebiete sind hier unbekannt. Was in diesem Land produziert wird, ist mir ein Rätsel, alles halbwegs Brauchbare kommt aus China. Auf den Feldern finden sich viele rote Fahnen, damit die wenigen Bauern wissen, wo sie genau heute was zu tun haben. Und damit die Feldarbeiter auch so richtig in Stimmung kommen, wird ihnen auch ab und zu ein Lautsprecher mit entsprechenden Parolen und Kampfesliedern zur Seite gestellt. Bei Musik arbeitet es sich ja bekanntlich leichter ....
Kaesong gleicht zunächst einer dieser üblichen grau-hässlichen Betonbauten-Siedlungen, hat sich aber durch die teilweise Nichtzerstörung im Koreakrieg noch etwas von seinem ursprünglichen Charme in traditioneller Bauweise erhalten. Die Stadt gilt als Zentrum des Ginsenganbaus. Man erzählt uns, dass man bei regelmäßiger Einnahme von Ginseng bis zu 120 Jahren alt wird und auch der Potenz soll das Mittel auf die Sprünge helfen. Abgesehen von der Frage, wer in Nordkorea 120 Jahre alt werden will, gilt diese Formel auch für den Ginseng in flüssiger Form, die insbesondere älteren Damen der Reisegruppe decken sich folglich auch literweise mit Ginsengschnaps ein. Vermutlich haben auch die Herren aus dem zweiten Grund so einiges mit zurück ins Hotel genommen.
Nach zahlreichen Straßenkontrollen kamen wir also zur DMZ, ein 4km breiter Streifen in Süd- und Nordkorea. Wie saßen in Baracken an Tischen, an denen schon schwere Verhandlungen geführt wurden, doch der Höhepunkt sind die hellblauen Häuschen auf der Grenze, (die durch ein Mikrofonkabel dargestellt ist !!!), wo man quasi mal kurz direkt vom Norden in den Süden laufen kann. Zwei grimmige Militärs sorgen allerdings schon dafür, dass keiner nach Südkorea ausbüchst. Das normale Volk kommt hier sowieso nicht rein. Auch wenn schon einer Show gleicht: Hier die super disziplinierten nordkoreanischen Soldaten mit Blick Richtung Nordkorea, und da die betont coolen auf- und abgehenden südkoreanischen Militärs.
Überraschenderweise war Fotografieren nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Überhaupt waren die Erläuterungen der Militärs sehr sachlich und wenig propagandistisch. Bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass die inner-koreanische Grenze die am best-bewachteste Grenze der Welt ist. Landminen, Panzersperren und Stacheldrahtzäune inklusive. Während wir uns frei bewegen durften, hattens die Touristen auf der südkoreanischen Seite nicht so aufregend. Aus dem Bus durften diese ein Paar Fotos schisse, während ich dem nordkoreanischen Grenzer auch ohne Zoom die Augenpupillen abfotografieren konnte.
Nachmittags dann ein leckeres Enten-Barbecue in Kaesong. Dies nicht deshalb, weil ich hier bereits meinen Vorsatz, auf der Reise doch ein paar Kilo abzunehmen aufgegeben habe. Wir wurden hier wirklich bis zum Abwinken mit durchaus leckern Spezialitäten gefüttert. Doch angesichts der Tatsache, dass in diesem Land nach wie vor eine krasse Unterversorgung mit Nahrungsmitteln besteht, ein eher mulmiges Gefühl.
In Kaesong ist es erstmals möglich, ungestört Fotos zu schießen. Wir besichtigen ein Königsgrab, ein leeres, aber authentisch koreanisches Hotel, wo ziemlich dilettantisch ein paar Nordkoreaner angekarrt wurden, die etwas Leben in den Häusern vermitteln sollten und ein Museum. Unterwegs treffe wir eine tanzende Picknickgruppe. Sie spielen so was wie die Reise nach Jerusalem, aber ohne Stühle. Ich mache mit, und werde immerhin Dritter. Das Picknick war allerdings gestellt, um uns glückliche Menschen vorzuführen, denn von der Grundausstattung eines auch Nordkorenischen Picknicks wie noch am Sonntag Nachmittag im Park wie Getränke, Körbchen, Fahrrad etc. war nichts zu sehen.
Der Respekt vor unserem Geheimdienstler Kim ist auch etwas abgeklungen, zudem schläft er die meiste Zeit, die Gründe hierfür sollten uns später noch sehr nützlich sein.
Am Abend ergattere ich meine ersten Won. Einen Zehner, zwar nichts Wert, aber da der Besitz für Ausländer verboten ist, ein begehrenswertes Objekt. Das Subjekt - nämlich die Kassiererin im Hotel war zwar nicht so begehrenswert, aber schmolz bei einer bestimmten Art des Lächelns dahin. Auch diese Erfahrung sollte sich noch als außerordentlich nützlich erweisen.
P.S. Kauf von zwei Flaschen Wasser im Hotelshop, kostet zusammen 20 Cent. Ich zahle mit einem Euro: Als Wechselgeld erhalte ich einen Pack Chips und eine Flasche Bier. Ungefragt - zum Glück hatte ich micht mit einem 50 Euro Schein gezahlt. Lg an H1.
| 10. Mai 2010 |