Samstag, 09. Mai,  Moskau



9. Mai -- Pobeda. Siegestag, heute feiern die Russen das Ende des vaterlaendischen Krieges von 1941 bis 1945. Ueber Nacht hat sich die Stadt verwandelt, aus den paar bunten Faehnchen vom Vortag ist ein Meer an kriegserinnernder Plakatierung geworden. Auch wenn bei genauerem Hinsehen ein Drittel der Banner auf den Eurovision Song Contest am kommenden Samstag hinweisen. Auch den hatte Russland gewonnen, wenngleich mit geringeren Anstrngungen.

Problem Nummer 1: Wie komme ich in die Stadt ? Diese ist hermetisch fuer die Parade auf dem Roten Platz abgeriegelt, die U-Bahn Stationen geschlossen. Also beginne ich den Tag gemuetlich und schaue mir die eher kurze Parade beim Fruehstuck an. Nichts aufregendes, die Genossen Leonid B. oder Michail G. Hatten sich da fueher mehr Muehe gegeben und Praesident Dimitri M. liest seine Rede vor, als wurde er gerade ein Gedicht aufsagen. Am Abend lese ich im Spiegel Online von einer mitliaerischen Demonstration der Staerke -- also einer von uns muss den falschen Kanal eingeschaltet haben.

Ich wandere noch einmal ueber die Arbatskaja hin zum Puschkin Museum bis zur Erloeserkirche. Diesmal auch ein Blick ins Innere. Sagenhafte Wandmalerein, die Kathedrale verstroemt in jedem Winkel festliche Stimmung. Leider ist fotografieren verboten und der Kontrolleur drueckt kein Auge zu. Zwei Meter lang war der Mann, was einen Vor- und einen Nachteil hatte. Man konnte sehen wo er sich aufhaelt und dann die Kamera zuecken, andereseits war er mit seinen langen Beinen auch genau so schnell wieder da, um mir das selbige zu verbieten.

Weiter gehts ueber die Moskva in den Gorki Park, wo wie ueberall in der Stadt Buhnen aufgestellt sind. Da ich nach 45 Minuten nur einige hochdekorierte und hoch betagte Verteranen flammende Propagabdareden hielten, zieht es mich wieder in die Innenstadt um die Tverskaja und die Lubijanka.

Gegenueber vom Bolschoi finde ich die erste Buehne und es sollte bis zum Abend nur einen von fuenf Buehnen sein, wo ich einen laengeren Stop mache. Denn dort geht zwar nicht der Punk, aber die Show ab. Nonstop treten Kuenstler aller Stilrichtungen auf und begeistern ihr Publikum. Das wiederum schenkt meist russische Faehnchen, waehrend von ein paar aelteren Kaempfgenossen abgesehen es so die 20-jaehrigen Girls sind, die mit Roter-Stern-Soldatenschiffchen (das sind Muetzen - wers nicht weiss) kraeftig die Fahne der UdSSR mit Hammer und Sichel flattern lassen.

Auf der Buehne gibt es alles. Opernsaenger, Heldentenoere, die russische Version von den No Angels, Rock, Pop und sehr, sehr viel Folkloristisches aus den vielen Winkeln Russlands. Alles irgenwie etwas russian-pop-discomaessig rhythmisch aufgepeppt und durch megalaute Boxen nich gerade gut fuer die Ohren, aber - und das zaehlt: Ein Showprogramm, das sich in jeder hinsicht in sich und damit gelohnt hat. Denn das ist Russland live, wie man es sonst nirgendwo zu sehen bekommt.

Mittlerweile ist auch der Rote Platz wieder zuegaenglich und ich kann noch ein Paar Fotos von der Umgebung wie der Basilius Kathedrale schiessen. An einer Stelle werfen Passanten Muenzen ueber ihre Schulter und einige Russen stehen dahinter, fangen Sie auf und stecken sie ein - der Sinn des ganzen hat sich selbst bei naeherem Auskundschaften mir jedenfalls nicht erschlossen. Um die Ecke erlebe ich noch einen Gottesdienst nach russisch orthodoxem Ritus fuer ein halbes Stuendchen mit. Irgenwann wammt der Chefpope und piselt mir was oeliges auf die Stirn. Hoffentlich hilft - den kirchlichen Beistand koennte ich morgen bei der Ausreise gut gebrauchen - denn ich habe ja immer noch keine Papiere.

Geh zum Park Pobedy in den Westen der Stadt, dort findet das groesste von vielen Feuerwerken am spaeten Abend statt !!! Dies war der duemmste Tip, auf den ich in den vergangenen 10 Jahren reingefallen bin. Da es schon etwas spaet war und man bei der Moskauer Metro viel Zeit einplanen muss, hatte ich es eilig. Zwei mal umsteigen, das ging ja noch, nach 6 Stationen dann die Zielstation. Die Menschenmengen unbeschreiblich. Zudem hatte die Miliz alle Ausgaenge bis auf einen gesperrt, so dass sich der Pulk der Leute ins Unendliche verlor. Und immer, wenn man dachte, endlich im Freien zu sein, gings in den naechsten Tunnel. Kurz vor dem Ziel hoert man dieersten Raketen knallen, ein unbeschreibliches Chaos bricht aus, Leute werden nach vorn, zur Seite und sonstwohin gequetscht. Irgendwie komme ich trotzdem mit nur zwie blauen Flecken - wie der folgende Morgen zeigen sollte - heraus.

Da man ein Feuerwerk ueblicherweise am Himmel sieht, laufe ich auch nur wenige Meter von der U-Bahn Sation weg. Um dann das Ernuechternde festzustellen: das groesste Feuerwerk am groessten russischen Feiertag ist etwas so dolle wie die Boeller an Silvester in der Weingartenstrasse, Dauer: 12 Minuten, dann wird noch genau fuenf mal Rossia gerufen -- und das wars.

Bis jetzt haette man gesagt: War'n Satz mit X, und vergessen waere das ganze. Da ich weniger Sinn darin sah, nochmal im U-Bahn Tunnel in erdrueckenden Menschenmassen zu baden, laufe ich der Menge auf der Strasse hinterher, denn irgendwann - so mein Gedanke -- wird sich das schon aufloesen und ausserdem gehe ich jetzt in die erste Kneipe auf dem Weg und trinke ein Bier.

Soweit die Theorie. In der Praxis hingegen wurden wir 7 Kilometer den Kuznetsky Prospekt hinunter gelotst ohne Chance gegen die Miliz die Wegstrecke auch nur annaehernd zu verlassen und zu allem Uebel befanden sich die Stassencafes auf der anderen Seite des acht-spurigen Boulevards. Pech gehabt. Dafuer kann ich in den Schaufenstern sehen, was es bei Gucci, Prada, Rolex und sonstigen Nobelmarken gerade so alles neues und unerscheingliches gibt. Denn der Kutznetzky Prospekt scheint die Wohlstandsmeile der Hauptstadt zu sein, dachte immer das wäre die Tverskaja. Doch nirgends was zu trinken. Weit nach Mitternacht erreichen wir den Kiever Bahnhof und tatsaechlich eine kleine Kneipe. Die Frage, obMetro oder Bier beantworte ich mit einem klaren JA zum Letzteren.

Allerdings hiess es dann noch mal vier Kilometer ins Hotel laufen und das an unzaehligen russischen Schnapsleichen vorbei.  Korz vor dem Ziel mache ich noch einmal halt in einer 24 Stunden offenen Kaschemme, wo noch froehlich mit Gesang und Ziehharmonika Kriegsende gefeiert wird. Leider war hierfuer der Akku von der Kamera schon alle, sonst haette man dieses Highlight russischer Geselligkeit noch als letztes Schmankerl des Trips auf Fotos festhalten koennen.

Um vier Uhr morgens geht dann ein langer und hoch interessanter Tag zu Ende.

P.S. Auf dem Kutznetzky Prospekt sieht man wechselnde Werbetafeln. Auf einen Rotarmisten mit kriegerischem Blick wirbt ein balbbekleidetes Model fur Duschgel. Vaeterchen Stalin wuerde sich im Grab umdrehen. Na denn: Na sdorowje. Lg an H1.






07. Mai 2009