Montag, 04. Mai,  St. Petersburg



Sank Petersburg wird von Tag zu Tag besser, mittlerweile traue ich mich sogar schon den einen oder anderen Satz russisch zu sprechen. Denn ohne ein paar Grundkenntnisse ist man hier hoffnungslos verloren. Heute steht ein abwechslungsreiches Programm auf dem Notizzettel, wobei gleich gesagt werden muss, dass man durch so vieles abgelenkt wird und ein normaler Alauf gar nicht moeglich  ist. Prunkvolle Palaeste, geschwungene Bruecken, golden glaenzende Kuppeln und aus den Rahmen fallende Hausfassaden -- das war die Idee fuer heute - aber warten wirs ab.

Der Tag beginnt im Osten mit der Slomny Kathedrale, ein Traum in weiss und blau - vermutlich gesponsort vom heimischen TSV. Das Innere - unzaehlige Wandmalreien, die einen Besuch in dieser Ecke unbedingt lohnen. Zu Fuss geht es weiter, nicht ohne einen Spielplatz unter die Lupe zu nhemen. Der Grund ist einfach. In den letzten Monaten musste ich unzaehlige Gespraeche fuehren, warum aufgrund von neuen Vorschriften unter jedem Spielgeraet ein Sandbelag erforderlich ist. In Russland sieht das etwas anders aus, da wird noch direkt auf Teeruntergrund geschaukelt.

Mit diesem Eindruck gehe ich entlang der Newa zum Alexander-Newskij Kloster, einer Anlage aus dem 17 Jahrhundert. Die Moenche typisch orthodox und schwarz gekleidet, doch die Hauptattraktion, die Dreifaltigkeits-Kathedrale wirkt allerdings etwas verschlafen, genauso - aber das verwundert nun weniger - wie der umliegende Friedhof, auf dem ich zumindest das Grab von Dostojewski finde. In einem Seitengebaeude fuehren junge taenzerinnen, Saengerinnen und Chorgruppen vor einer Jury ihre Kuenste auf. Sagehaft, was dort zum Nulltarif geboten wurde. Sah ein bisschen aus wie DSDS, aber qualtativ vom Feinsten.

Per Metro ging es touristisch weiter zur Blutkirche (wird auch Erloeserkirche genannt). Ich wusste vorher nicht, wie diese Kirche aussieht. Aber: Wow, wow, wow - kann ich nur sagen. Ja, das ist Russland. Eine Kirche mit mehreren Zwiebelkuppeln und dazu ganz bunt gestaltet. Das innere schon ein bisschen wie die Sixtinische Kapelle in Rom. An der Fassade sind viele Kacheln in den verschiedensten Farben angebracht, wie die Basilius-Kathedrale von Moskau. Hier wird ständig restauriert. Da alles sehr langwierig ist, gibt wohl nie ein Ende. Aber ich bin so fasziniert, dass ich am spaeten Abend nochmals komme , um das ganze Turmensemble in duesterer Illumination zu fotografieren.
Zwischendurch mache ich noch eine Fahrt mit dem Boot. Nicht so dolle wie in Amsterdam, aber zum 300-jährigen Bestehen St. Petersburgs fand im Jahr 2003 eine aufwaendige und erfriswchend bute Sanierung zahlreicher Bauten statt. Mittlerweile wurden 15% davon von der UNESCO als Weltkulturerbe der Architekturgeschichte anerkannt. Die meisten Bauten sind auffallend westeuropaeisch beeinflusst und sind von den unterschiedlichten Stilrichtungen gepraegt. Sehenswuerdigkeiten sieht man nur aus der Ferne, dennoch wird man auf den Kanaelen durch ein ganzes Sammelsurium von architektonischen Strilrichtungen gefuehrt von der Moderne über den Jugendstil bis zum Barock.

Doch auch das Highlight des Tages soll nicht vorenthalten bleiben. Ich musste zur Miliz, eine Anzeige machen. Schliesslich bin ich ja mangels Pass eigentlich im Niemandsland.

Was da passiert, toppt mittlerweile alles. Faengt schon damit an, dass zwei Strassenpolizisten nicht wussten, wo ihre eigene Wache ist. Als ich die dann in einer Seitengasse in einem ziemlich vewahrlosten Gebaude gefunden hatte, kam ich bei der offenen Tuer auch genz schnell rein. Der Beamte hinter dem Schalter schien sehr pflichtwewusst. Rund 20 Minuten telefonierte er und machte was weiss ich noch alles. Nur mich nahm er nicht wahr. Also muste ich etwas Aufmerksamkeit erregen und machte das, was auf einem grossen Schild verboten war. Ich holte mein Handy heraus und fing an zu telefonieren. Blitzartig hatte ich nun die gewuenschte Aufmerksamkeit, allerdings nicht unbedingt die Sympathie des des Milizionaers. Der schrie mich an und setzte micht erstmal auf die Strafbank, da konnte ich dann schmoren.  Leider wars im Polizeirevier - immerhin  in der Mitte des touristischen Treibens von St. Petersburg -- mit dem Englischen nichtg weit her, so dass unsere  Unterhaltung nicht sonderlich fruchtete. Nach langem hin und her konnte jemand von der Strasse vermitteln und urploetzlich kam einer in Zivil und ich wurde in den ersten Stock abgefuehrt. Das Zimmer sah aus wie eine Zelle, war aber doch eine Amtsstube. Links ein quadratmetergrosser Wandkalender mit nackten Girls, rechts ein DinA 4 grosses Foto vom Herrn Putin. Auch eine Beamtin in Zivil konnte es zumindest kleidungsmaessig mit dem Wandkalender bestens aufnehmen. In der Ecke lief ein Fernseher, die Antenne lag auf dem Boden, so dass ich nach 15 Minuten alleine im Zimmer erst mal die Antenne richtete und das Programm umschaltete. Das fiel dem von der Miliz allerdings als erstes auf, als er wieder kam.

Nach allerlei Formalitaeten fragt der Beamte, ob ich wuesste wo ich hier sei ? Meine eher dumme Bemerkung "In Russland" war gar nicht so bloede. Ich soll mir doch mal das Einreiseformular anschauen, hiess es Da ich die Kopie dabei hatte wurde ich neugierig. Und aus der Neugier wurde Erstaunen. Hatte ich doch kein Formular mit "Russia" in der Hand, sondern eins mit "Bjelorussia", d.h. Weissrussland. Eigentlich war ich gar nicht da wo ich war -- und keiner hats gemerkt.

Ums kurz zu machen, mir machte die Geschichte Spass und ich spielte mit. Fuellte ein Einreiseformular nach Russland aus und nach einer Stunde war ich wieder draussen.

Bei aller Liebe zur Kultur und zur russischen Polizei ist es mir nun wichtig, die oertliche Szene ein wenig zu erkunden...  Und deswegen mache ich jetzt Schluss.

P.S. Auf dem Tisch in der Miliz lag ein Sticker mit einer rote Till-Eulenspiegel-Muetze drauf. Irgend wie dachte ich, das liegt hier bestimmt nicht zufaellig. Na denn: Na sdorowje. Lg an H1.




04. Mai 2009